Wer sich mit Kratom (Mitragyna speciosa) beschäftigt, stößt unweigerlich auf ein schier endloses Angebot verschiedener „Strains“ (Sorten): Red Bali, Green Maeng Da, White Borneo. Die gängige Erzählung ist, dass diese Bezeichnungen auf genetisch unterschiedliche Baum-Unterarten mit jeweils spezifischen Blattader-Farben zurückzuführen sind.
Doch wie viel von dieser Geschichte ist Botanik und wie viel ist reines Marketing?
Dieser Artikel wirft einen wissenschaftlichen Blick auf die Herkunft der verschiedenen Farben und Namen. Wir klären auf, warum die Farbe der Blattader am lebenden Baum wenig mit dem Endprodukt zu tun hat und welcher Faktor tatsächlich für das unterschiedliche Erscheinungsbild und Alkaloidprofil verantwortlich ist.
Kurz und knapp: Im Bereich Kratom gibt es durchaus dubiose Onlineshops, die durch bestimmte Wortwahlen ein Produkt als „besonders“ wirken lassen möchten. Dieser Kratom Guide klärt auf, was ein Marketing-Mythos ist und was tatsächlich wichtig ist. Außerdem ist Kratom egal in welcher Sorte, farblich kaum voneinander trennbar – unser Artikelbild haben wir bewusst anders gestaltet.
Tipp: Schaut euch gerne in unserem Kratom Onlineshop die Produkte an, hier haben wir auch Besonderheiten!
Der Ein-Baum-Fakt: Es gibt nur Mitragyna speciosa
Der wichtigste Punkt zuerst: Botanisch gesehen stammen alle Kratom-Produkte, unabhängig von ihrer Farbe oder ihrem Namen, von ein und derselben Baumart ab: Mitragyna speciosa, einem Mitglied der Familie der Rötegewächse (Rubiaceae), zu der auch der Kaffeestrauch gehört.
Es gibt keine wissenschaftlichen Belege für die Existenz genetisch unterschiedlicher Unterarten, die systematisch nur rote, grüne oder weiße Blattadern produzieren.
Der Mythos der Blattader-Farbe
Ein weit verbreitetes Missverständnis ist, dass ein „Red Vein“ Kratom-Pulver von einem Baum stammt, der ausschließlich Blätter mit roten Adern trägt. Die botanische Realität sieht anders aus.
Die Farbe der Blattadern und des Stiels eines Mitragyna speciosa Blattes kann variieren – von hellgrün/weißlich bis hin zu tiefrot/pink. Diese Färbung ist jedoch kein statisches genetisches Merkmal. Sie hängt von verschiedenen Faktoren ab:
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Alter des Blattes: Jüngere Blätter haben oft hellere Adern, während ältere Blätter zu rötlichen Tönen neigen können.
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Standort und Nährstoffe: Die Bodenbeschaffenheit und die Sonneneinstrahlung beeinflussen die Pigmentierung.
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Jahreszeit: Auch saisonale Schwankungen können die Farbe beeinflussen.
Es ist keine Seltenheit, an einem einzigen Baum – ja sogar an ein und demselben Ast – Blätter mit unterschiedlichen Aderfarben zu finden.
Die Farbe der Ader am lebenden Baum hat somit keinen direkten Zusammenhang mit der Farbe des Endprodukts (dem Pulver) oder dessen spezifischem Alkaloidprofil.
Der wahre Unterschied: Die Kunst der Verarbeitung
Wenn nicht die Genetik, was bestimmt dann, ob ein Kratom-Pulver als „Rot“, „Grün“ oder „Weiß“ verkauft wird? Die Antwort liegt fast ausschließlich im Prozess nach der Ernte (Post-Harvest Processing): Trocknung und Fermentation.
Die Art und Weise, wie die Blätter getrocknet werden, beeinflusst die chemische Zusammensetzung – insbesondere das Verhältnis der Hauptalkaloide Mitragynin und 7-Hydroxymitragynin – und die Farbe des Endprodukts maßgeblich.
1. Rotes Kratom (Red Vein): Sonne und Oxidation
Für die Herstellung von rotem Kratom werden die Blätter in der Regel über einen längeren Zeitraum (oft mehrere Tage) intensiver Sonneneinstrahlung ausgesetzt oder sogar einem Fermentationsprozess unterzogen, bei dem sie in Säcken „schwitzen“.
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Der Prozess: Die UV-Strahlung der Sonne und die Wärme führen zu einer Oxidation der Blätter. Das Chlorophyll wird abgebaut, und die Farbe ändert sich von Grün zu einem bräunlichen Rot.
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Die Chemie: Dieser Prozess begünstigt die Umwandlung eines Teils des Mitragynins in das potentere 7-Hydroxymitragynin durch Oxidation. Das resultierende Pulver hat eine dunklere, rötlich-braune Farbe und ein spezifisches Alkaloidprofil.
2. Weißes Kratom (White Vein): Schatten und Schonung
Das Ziel bei der Herstellung von weißem Kratom ist es, die Oxidation so gering wie möglich zu halten.
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Der Prozess: Die Blätter werden überwiegend im Schatten oder in gut belüfteten Innenräumen getrocknet, ohne direkte Sonneneinstrahlung. Oft werden die Blätter auch vor der Trocknung von ihren Stielen und großen Adern befreit („Stem & Vein Removal“).
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Die Chemie: Durch die schonende Trocknung bleibt mehr des ursprünglichen Mitragynin-Gehalts erhalten, und es findet weniger Umwandlung statt. Das Pulver hat eine helle, oft beige-grüne Farbe.
3. Grünes Kratom (Green Vein): Der Mittelweg
Grünes Kratom ist oft eine Mischform oder ein Mittelweg in der Verarbeitung.
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Der Prozess: Die Blätter werden typischerweise zunächst kurz in der Sonne angetrocknet und dann im Schatten fertig getrocknet.
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Die Chemie: Dieser Prozess führt zu einem ausgewogenen Verhältnis zwischen dem Erhalt von Mitragynin und einer leichten Oxidation. Das Pulver hat eine kräftige grüne Farbe.
Was bedeuten Namen wie „Maeng Da“ oder „Bali“?
Wenn die Farben auf dem Verarbeitungsprozess beruhen, was ist dann mit den exotischen Namen? Auch hier regiert oft das Marketing.
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Herkunftsorte (Bali, Borneo, Thai, Malay): Diese Namen können auf die geografische Herkunft hinweisen, sind aber oft keine Garantie. Ein „Bali Kratom“ kommt heute selten direkt von der Insel Bali, sondern wird oft in Borneo (Kalimantan) angebaut und nur über Bali verschifft. Die Namen dienen eher als Kategorisierung für bestimmte (eventuelle) Eigenschaftsprofile, die sich über Jahre im Markt etabliert haben.
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Variationsnamen (Maeng Da, Horned, Elephant):
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„Maeng Da“ ist thailändisch für eine Wasserkäferart, wird aber umgangssprachlich als „Pimp Grade“ (höchste Qualität) übersetzt. Es ist ein reiner Marketingbegriff für besonders potente Batches, keine botanische Sorte.
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„Horned“ bezieht sich auf eine natürliche Blattform-Mutation, bei der die Blattränder kleine „Hörner“ aufweisen. Dies kommt vor, ist aber selten sortenrein erhältlich.
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Diese Namen dienen dazu, um Unterschiede zu zeigen oder um entsprechend verstehen zu geben, dass dieses und jenes Produkt anders ist. So hat meist jeder, der mit Kratom arbeitet, einen Favoriten.
Fazit: Auf die Analyse, nicht den Namen vertrauen
Die Einteilung von Kratom in verschiedene „Strains“ basierend auf Blattaderfarben ist größtenteils ein Mythos, der sich hartnäckig hält. Die tatsächlichen Unterschiede im Endprodukt resultieren aus der Verarbeitungsmethode (Trocknung/Fermentation) und der geografischen Herkunft (Boden, Klima), nicht aus unterschiedlichen Baum-Genetiken.
Für Forscher und Anwender bedeutet dies: Verlassen Sie sich nicht blind auf klangvolle Namen oder Farben. Das einzig verlässliche Kriterium für die Charakterisierung eines Kratom-Produkts ist eine Laboranalyse (HPLC), die das exakte Spektrum der Alkaloide – insbesondere den Gehalt an Mitragynin und 7-Hydroxymitragynin – ausweist.
Disclaimer: Die Informationen in diesem Artikel dienen ausschließlich edukativen Zwecken und der wissenschaftlichen Aufklärung über die Pflanze Mitragyna speciosa. Sie stellen keine Empfehlung zum Konsum dar. Die angebotenen Produkte sind nicht für den menschlichen Verzehr bestimmt. Bitte beachten Sie die geltende Rechtslage in Ihrem Land.









